Alternativlos? – Über die Lust an der Wahl!

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Alternativlos? – Was heißt das: Alternativlos?
Und was macht es mit uns, in einer gefühlt alternativlosen Situation zu sein?

Vorab:
Wir mögen uns in einer gefühlt alternativlosen Situation befinden, in Wahrheit haben wir immer eine Wahl; manches Mal gefühlt die Wahl zwischen Pest und Cholera; aber wir haben eine Wahl – immer.
Unentwegt treffen wir Entscheidungen; manche davon bewußt, viele auf einer eher unbewussten, unreflektierten Ebene; aber wir treffen Entscheidungen und es gibt zu allem was wir tun und denken eine Alternative! Wie kommt es dann, daß wir dennoch oft glauben und behaupten, es gäbe so etwas wie eine alternativlose Situation und uns alternativlose Vorgehensweisen als gegeben, richtig und als unvermeidlich – nicht nur von der Politik – einreden lassen?

Es mag der Gründe viele geben und ich befürchte sie wurzeln alle in dem gleichen trüben Teich, genannt Abschiebung von Verantwortung.

Wenn es nur diesen einen – alternativlosen – Weg, diese eine Sicht, diese eine Vorgehensweise gibt und jegliche Alternative als nicht existent negiert wird, dann kann ich ja nur diesen einen Weg gehen, dann bin ich ja geradezu gezwungen, diesen Weg einzuschlagen und zu vertreten und kann natürlich nicht für die Konsequenzen dieses einen, alternativlosen Weges weder von mir selber, noch von anderen für dessen Konsequenzen verantwortlich gemacht werden. Es gab keine Alternative, es musste so vorgegangen werden – ich bin nicht schuld.

In einer Gesellschaft, in der das Opfer, das sich aufopfern zum religiösen Prinzip erhoben und gepredigt wird, fällt es leicht in eine Opferhaltung zu geraten:
‚man muß den Realitäten ins Auge sehen‘,
‚das ist schon in Ordnung so‘,
‚das bringt doch nichts‘,
‚…‘
alles Ausdruck eines unreflektierten Hinnehmens aus einem Gefühl der Macht- und Hilflosigkeit.

‚Da kann man nichts machen‘:
Doch, ‚da‘ kann man immer was machen, aber vielleicht passen uns die Konsequenzen einer anderen – selbstbestimmten – und für die Konsequenzen dieser Vorgehensweise eigenverantwortlichen Alternative nicht – oder aber wir erlauben uns gar nicht über eine mögliche andere Vorgehensweise nachzudenken, sie uns vorzustellen, aus welchen Gründen auch immer.

‚Das ist halt so‘:
Klar ist ‚das‘ so, da wir es als gegeben hinnehmen und nicht verändern.

‚Man muß den Realitäten ins Auge sehen‘:
Ja, das finde ich auch, nur was sind die ‚Realitäten‘, wer bestimmt diese und sind diese nicht für Jeden von uns andere?
Ein Jeder von uns hat eine eigene, von den anderen sich unterscheidende Sichtweise und damit individuelle und einzigartige Wahrnehmung, also was sind die allgemeingültigen Realitäten, denen man ins Auge sehen muß?

‚Das ist schon in Ordnung so‘:
Das mag sein, nur für wen; für welche Ordnung und wer bestimmt diese?
Es mag für als wichtig – wichtiger als Andere, wohlgemerkt – angesehene und behandelte Menschen in der Ordnung sein, den gesamten Straßenverkehr zu blockieren, weil sie gerade auf dem Weg zu einem Treffen mit einer Eskorte unterwegs sind und es mag für diese in der Ordnung sein, daß für sie, aufgrund ihrer Bedeutung und das ihrer Handlungen rote Ampeln nicht die gleiche Bedeutung haben, wie für den Rest der Menschheit – wofür gibt es schließlich Blaulicht, das angemacht werden kann, wenn es gerade mal wieder – wie im Grunde immer – eilig und wichtig ist zum Abendessen oder rechtzeitig zu einer im Fernsehen übertragenen Opernaufführung zu kommen. Das mag in der allgemeingültigen, akzeptierten und vom Straßenrand aus bejubelten Ordnung sein – richtig ist dieses aber nicht
und zwischen in der Ordnung und Richtig liegt oftmals ein Grand Canyon.

‚Das bringt doch nichts‘:
Der ultimative Opfersatz:
Doch alles, was auch immer bringt immer etwas,
aber in diesem Falle – bei Äusserung eines solchen Satzes – wohl etwas, was wir in dem hilflosen Versuch etwas schadlos zu machen nicht sehen wollen.
Doch alles bringt immer etwas und sei es Frust, Ärger, Wut, Angst, Verzweiflung, Zorn
– also all die Gefühle, die wir nicht fühlen, nicht haben wollen –
wie bedauerlich, denn gerade diese sind unsere besten Wegweiser für ein selbst bestimmtes und jeweils ‚richtiges‘ Leben:

Siehe in diesem Zusammenhang auch: Wege zur inneren Freiheit

Es gibt immer eine Alternative und oft ist es bereits hilfreich, uns diese klarzumachen, zu realisieren, zu visualisieren.
Auch jetzt haben Sie in dem Moment, in dem Sie das lesen und ich, in dem dann bereits in der Vergangenheit liegenden Moment, Alternativen. Sie könnten aufstehen, das Fenster öffnen, die Blumen gießen, die Wohnung in Brand stecken, ihren Arbeitsvertrag kündigen, den Nachbarn Blumen schenken, die Wohnung aufräumen, das Bett beziehen, in den Spiegel sehen, einem Menschen sagen, wie toll Sie ihn finden, …

Während eines quälend langweiligen Essens, dem Sie mit guter Mime und vorgegebener fröhlicher Stimmung beiwohnen ‚sollen’, haben Sie scheinbar ja keine Alternative, denn Ihre Frau, Ihr Mann, Ihr Chef, Chefin, die Freundin, der Freund, die Eltern, die Schwiegereltern, Sie selber oder wer auch immer erwarten das so von Ihnen und wehe, Sie erfüllen diese Erwartung nicht.
‚Hilft ja nix‘,
‚da muß ‚man‘ durch‘,
‚das ist halt so‘,
‚das gehört sich so‘,
‚das gehört dazu‘.

Doch Sie haben Alternativen, was Sie nicht haben ist entweder die Phantasie – was wohl meistens nicht der Fall ist – sondern den Mut zu einer solchen. Sie könnten aufstehen und die voller Stolz von den Gastgebern angepriesene und allseits für grandios erklärte selbstgemachte – und auch so schmeckende – Sauce Hollandaise dem schrecklichen Kläffer des Hauses genüsslich auf die Schnauze tröffeln. Es heißt nicht, daß dies eine gute Idee wäre – oder vielleicht wäre sie dies sogar, kommt auf die jeweilige Zielsetzung an – aber es wäre eine Idee und damit eine Alternative zu der gequälten Opferhaltung brav den eigenen Erwartungen und Ansprüchen der Anderen zu genügen, das Spiel mitzumachen, in der Ordnung zu bleiben und sich selber dabei – zu Recht ! – mies zu fühlen.

Sie könnten aufstehen und den Raum verlassen oder von irgendwelchen wirklichen oder erfundenen Sexphantasien erzählen, das Fenster öffnen, um frische Luft hereinzulassen – auch wenn alle: ‚es zieht‘, rufen sollten – all das und noch viel mehr würde zu einer Veränderung führen und davor haben wir ja so viel Angst, selbst dann wenn wir uns eine Veränderung ersehnen.
Es würde geredet werden, es gäbe Aufruhr, es würden eventuell Sachen gesagt werden, die man ja nicht sagt und
‚so auch nicht meint‘ – oh doch, das tut man !
und die Veränderung, das Verrücken der auferlegten und akzeptierten Ordnung würde eines erzeugen: Veränderung, und vor dieser haben wir ja oft so viel Angst! – Das Essen war quälend langweilig und der Abend, so wie er verlief eine Verschwendung von kostbarer Lebenszeit. Aber nein, besser ist es natürlich sitzen zu bleiben und den Konventionen und den gefühlten Erwartungen zu folgen und sich einzureden, daß alles andere ja nichts bringen würde.

Das Erstaunliche ist, nichts davon muß man in der Wirklichkeit machen – es reicht oft, sich diese Möglichkeiten vorzustellen, sich bewußt zu machen, diese zu haben und sich dann bewußt gegen das Ausführen dieser Alternativen zu entscheiden – der Unterschied liegt in der Erlaubnis einer inneren Freiheit: sich erlaubt zu haben, diese Möglichkeiten zu denken, sich diese präsent, bewußt gemacht zu machen und sich dann selbst verantwortlich und freiwillig dagegen entschieden zu haben.
Dieses Rausgehen aus einer Opferhaltung des ‚da kann man ja nichts machen‘ bewirkt zumindest eines:
es schafft eine Distanz und zaubert damit eine Entspannung in das eigene System, ein Gefühl der Freiheit, das sich in den meisten Fällen den Menschen Ihrer Umgebung als Lockerheit zeigt, die ein mysteriöses, nicht zu deutendes Lächeln in Ihrem Gesicht sehen und siehe da, schon haben Sie die Erwartungen der Anderen, ein netter, lockerer und charmanter Tischnachbar zu sein, erfüllt – auch wenn Sie sich dabei gerade vorstellen sollten, wie es wäre bei dem Kellner einen Krug mit Eiswasser zu bestellen, um damit … 🙂

Wir haben immer eine Wahl: immer, gleichgültig, was uns von Menschen, die Macht über uns einfordern – und denen wir diese geben – und wir uns selber einreden und selber glauben machen.
In der Politik:
Es gibt immer eine Alternative, aber die bedingt vielleicht einen Verlust der Macht, des Einflusses oder des Ansehens eines Politikers,
In der Medizin:
Die bedingt aber vielleicht das Treffen von schwierigen Entscheidungen, zum Beispiel für das Anfüllen von verbleibenden Tage eines Lebens mit lebenswerten Leben und nicht das Anhäufen von Tagen, in denen nur noch dahin vegetiert und elendig gelitten wird,
In persönlichen Beziehungen:
Das bedingt aber vielleicht jemanden zu verletzten, eigenen Erwartungen und fremder nicht zu erfüllen, das Gefühl ertragen zu müssen zu versagen – wobei die Frage bleibt, wer denn was gesagt hat;
im Berufsleben:
Was aber vielleicht nach sich zieht, weniger zu verdienen, weniger an materiellem Ausgleich zu erhalten, auszusteigen aus, als falsch erkannten Zwängen und Abläufen – auch wenn Menschen der Umgebung, die es ‚gut mit einem meinen‘ (siehe: Gott schütze mich vor denen, die es gut mit mir meinen) davon abraten und beschwören, vernünftig zu sein.

Ja, es gibt immer eine Alternative und es ist immer wert, diese scheinbar unmöglichen Alternativen ernsthaft zu betrachten und in Erwägung zu ziehen – denn wohin hat uns der Rat und die Expertise der sogenannten Experten gebracht (siehe in diesem Zusammenhang auch: Wohin führt uns der von Experten ausgewiesene Weg?) – auf jeden Fall dahin, wo es für diese richtig war; schön, für die, die eine alternativlose Vorgehensweise proklamieren und einfordern.

Ja, es gibt immer eine Alternative und es ist ein spannender Weg mitzuerleben, wie jeder Einzelne eine andere für sich richtige Alternative findet, wenn er/sie sich erlaubt, diese nicht nur zu suchen, sondern auch zu finden
aber ‚wo kämen wir denn da hin?‘ :-):
Zu einem jeweils richtigen Leben ausserhalb einer vorgegebenen Ordnung. –
Alternativlos ?

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