Expertenwissen – wohin führt uns der von Experten ausgewiesene Weg?

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Neulich erhielt ich einen Anruf eines Anlageberaters einer deutschen Bank, der mir versicherte, er wüßte einige großartige Anlagemöglichkeiten mit großer Rendite und kleinem Risiko. Eine Weile hörte ich mir an, was er zu sagen hatte, unterbrach ihn schließlich, um mich zu erkundigen, von wo aus er mich denn anrufen würde. – Er sei in seinem Büro, war die Auskunft, was mich dann doch ein wenig verwunderte. Auf meine Frage, weswegen er mich denn nicht von seiner Jacht aus anrufen würde, schließlich habe er doch so genaue Kenntnis über ‚Anlagemöglichkeiten mit großer Rendite und kleinem Risiko‘, um statt dessen seinen Tag in einem Büro zu verbringen, um Menschen wie mir, die er nicht kennt, denen er wohl nie begegnen wird und denen er angeblich was Gutes tun wolle, kluge Experten-Ratschläge zu erteilen, Auf meine Frage, was der Grund sei, daß er offensichtlich nicht selber nach seinem eigenen bekundeten Wissen handeln würde, bekam ich keine wirkliche Antwort. Wir beendeten das Gespräch mit der gegenseitigen Zusicherung, uns in Zukunft nicht weiter zu belästigen.

Wir leben in einer Welt voller selbst- und fremdernannter Experten, studierten, klugen Menschen, einer Welt angefüllt von Rat-Schlägen, Meinungen und Wissen. Von Klein auf wird uns beigebracht, auf diese klugen Menschen und deren Ratschläge zu hören, diese zu beherzigen und zu folgen, also das was sie sagen zu befolgen, also zu folgen, folgsam und brav zu sein. Was wir nicht lernen und einem Jeden von uns von frühester Kindheit an als falsch vorgelebt und gelehrt wird ist, auf uns selber zu hören, auf unsere Meinungen, auf unsere eigenen Überzeugungen, unseren eigenen Gedanken zu folgen – in diesem Sinne folgsam zu sein.

„Dafür bist Du noch zu klein.“ – „Das verstehst Du (noch) nicht.“ – „Das siehst Du falsch.“ – „Das ist doch ganz anders.“ – „Das musst Du so oder so machen, aber nicht so.“ – „Wie dumm und ungeschickt bist Du eigentlich?“ – „Kannst Du denn gar nichts richtig?“ – „Sitz still!“ – „Steh gerade!“ – „Hör zu!“ – „Lern was!“ – „Sei brav und folgsam!“ – „Was für ein braves, folgsames und gut erzogenes Kind, na da kann die Mama und der Papa aber stolz auf Dich sein!“ Wir lernen auf das Wissen und die uns als Überzeugungen vorgetragenen Meinungen der Anderen zu vertrauen, denn die wissen das schon, die haben mehr Erfahrung, die sind klüger, älter, die wissen das, denn die haben das ja gelernt. Wohin wir auch schauen, wir sind umgeben von Experten, Meinungsmachern, geistigen Führern, Coaches, studierten Menschen und Ratschlägern – und wo genau hat uns das hingeführt ?

Unter anderem zu einer geradezu epedemischen Zunahme von psychisch und physisch erkrankten Menschen, einer immer mehr in Schieflage geratenen Finanzwelt, zu Destabilisierung von Staaten, Verfolgung und Kriegen – und zu einer, auf der einen Seite tiefen Verunsicherung der überwältigenden Mehrheit von folgsamen Menschen und auf der anderen Seite enorm von dieser Verunsicherung profitierenden Menschen. Es sind nicht die Banker, die an der sogenannten Bankenkrise leiden; im Gegenteil sie profitieren in einem bisher kaum gekannten Ausmaß; es ist nicht die Gesundheitsindustrie – was für ein Name -, die an der epedemisch ansteigenden Anzahl von hilfsbedürftigen – wirklich ? – Menschen leiden. Nein, ihr Nimbus als Retter lässt sie enorm an Ansehen und Finanz- und damit politischer Macht profitieren; es sind nicht die Politiker, die an den Auswirkungen ihrer Politik leiden, es sind wir, die wir es ihnen erlauben, so ohne den Hauch einer persönlichen Haftung über uns zu bestimmen – und sollte das Expertentum der von uns gewählten Vertreter schief gehen, dann treten diese Politier als Ehrenmänner und Ehrenfrauen hochgeachtet und finanziell sehr gut bedacht zurück, der von ihnen angerichtete und von uns zugelassene Schaden wird von Anderen beseitigt, aufgearbeitet und getragen. War auch nur ein Einziger der Menschen, die zum Beispiel das unfassbare Elend des 2. Weltkrieges angezettelt, befördert und angetrieben haben dabei den Schaden aufzuarbeiten, zu bewältigen, abzutragen? – Nein, das waren die sogenannten Trümmerfrauen, denen bis heute die ihnen zustehende moralische und finanzielle Würdigung versagt bleibt. Die, die es angezettelt haben, sie profitierten weiter, einige wenige wurden als die „wahren Schuldigen“ ausgemacht und gebrandmarkt, auf diese wurde die Schuld und die Eigenverantwortung abgeschoben, auf die einigte man sich, das waren die Bösen, die Urheber; die anderen waren ja bestenfalls, wenn überhaupt, nur Mitläufer, wenn nicht gar Opfer oder Widerstandskämpfer – wenn auch nur ganz im Stillen. Der überwältigende Teil des Justizapparates marschierte stramm durch das Kaiserreich, durch die Weimarer Republik in das Nazireich, dann gespalten entweder in die Bundsrepublik Deutschland oder die Deutsche Demokratische Republik, um sich in dem heutigen Deutschland wieder zu finden und vereint im Brustton der Überzeugung und dem gebührenden heiligen Ernst das nun geltende Recht zu sprechen. Desgleichen die überwältigende Mehrheit der Ärzte, Wissenschaftler, Politiker, Sänger und Schauspieler – also all diese hoch- und beachteten, vorbildlichen Stützen der Gesellschaft. Schwund gab es immer, in all diesen Gruppierungen, die Karawane jedoch, die zog und zieht weiter.

Alternativen? – Gibt es Alternativen, gab es Alternativen oder leben wir wirklich, wie so oft bekundet in einer ‚alternativlosen‘ Zeit?

Im antiken Griechenland gab es einen Menschen mit Namen Sokrates, der kein einziges Buch geschrieben hat, der meines Wissens nach keinen einzigen Ratschlag ausgeteilt hat, der nichts für seinen eigenen Ruhm und sein Ansehen in der Nachwelt getan hat, dem der Ausspruch „Ich weiß, daß ich nicht weiß“ zugesprochen wird und den ich für den vielleicht bedeutensten Philosophen überhaupt ansehe. Was hat er getan? Sokrates sagte nicht, wie er eine Sache sah, wie er fand, daß etwas gesehen, beachtet, getan werden sollte, statt dessen ging er auf die Agora, also auf den Marktplatz und befrug seine Mitmenschen, wie sie es denn sehen würden. Das Entscheidende bei dieser Vorgehensweise war aber weniger, die an sich schon revolutionäre Umkehr von Meinung äussern, Reden halten, Ratschlägen erteilen, Vorgaben machen zum Befragen und Zuhören. Nein das Entscheidende war, Sokrates stellte Fragen, die sich sein Gegenüber so in dieser Form selber noch nicht gestellt hatte, sei es weil dieser auf diese Frage nicht selber gekommen ist, diese nicht gesehen hatte, Furcht hatte vor der Beantwortung dieser Frage oder diese Frage schlichtweg verboten gewesen war; wodurch der Befragte durch die Beantwortung bisher ungestellter eigener Fragen auf eigene, oftmals ungeahnte Antworten kam.

Jeder Mensch ohne Ausnahme, also auch Sie hat ein tiefes inneres Wissen über das was für einen selber richtig ist, wir leben aber alle ein verrücktes Leben; ver-rückt von dem was für uns aus tiefster Überzeugung und Wissen richtig ist. Wir passen uns an, verbiegen uns, entschuldigen uns und die Anderen, beschränken und behindern uns selber in unseren eigenen Begabungen, Fähigkeiten und Möglichkeiten, zum Wohle von – ja, von wem eigentlich ?

Experten und Ratschläge haben uns dahin gebracht wo wir heute sind und das sind zum Teil gewaltige Errungenschaften, keine Frage; abweichende Meinungen, Ausdruck von tiefer innerer individueller Überzeugung hatte in einem solchen Prozeß aber oftmals keinen Platz. Wehe dem, der es wagte, sich selber, sein eigenes Wissen zu befragen, dem eigenen Zweifel zu folgen, die eigenen Fragen zu stellen und zu beantworten, die vorherrschende und richtungsweisende Expertenmeinung zu hinterfragen, zu kritisieren und als falsch zu benennen – es drohte Gefahr für Leib und Leben. Galileo Galilei wagte es, nicht auf die vorherrschende Expertenmeinung zu hören, die zur Aufrechterhaltung des Status Quo als unerschütterliches Wissen und als die einzige Wahrheit proklamierte, die Erde sei eine Scheibe und die Sonne kreise um diese Scheibe. Jan Hus bezahlte die Aufrechterhaltung seiner eigenen Sicht des ausgeübten Machtanspruches der sich katholisch nennenden Kirche mit dem Leben; zusammen mit seinen Schriften wurde er vor 600 Jahren in Konstanz in perfider Vereinigung von König und Klerus lebendig verbrannt. Seine Gedanken aber wirkten und wirken weiter und es ist ihm und vielen, vielen weiteren mutigen und aufrechten Menschen zu verdanken, dass es heute vielen Menschen möglich ist, ohne um ihr Leben zu fürchten, ihre Gedanken zu denken und zu äussern – doch was ist mit unseren Gefühlen und den Gedanken uns selber gegenüber?

Aus welchen Gründen haben wir dennoch auch heute noch diese vielfältigen Denkhemmungen, Schranken, Barrieren, Blockaden in uns? – Es wurde uns von Klein auf beigebracht nicht auf uns, sondern auf die Anderen, die Macht über uns Habenden zu hören (siehe dazu auch: Die Kindheit als existenzielle Bedrohung). Anstatt uns selber zu befragen, unserem eigenen Wissen zu folgen, kompensieren, verdrängen, sublimierren, relativieren, verleugnen wir und dergleichen mehr. Da halte ich es lieber mit Sokrates und stelle Fragen; Fragen auf die mein Gegenüber oftmals selber nicht gekommen ist. Es ist jeden Tag auf ein Neues faszinierend und bewegend mitzuerleben, welche tiefen Meinungen, Überzeugungen, Klugheiten mein sich oftmals selber als klein und unwissend erachtendes Gegenüber – zu dessen oftmals eigener Überraschung ! – in sich trägt und wie sich diese Leben beim Beantwortung dieser eigenen Fragen und bei Beachtung und Respektierung dieser eigenen Antworten das jeweilige Leben in einer selbstbestimmten Art und Weise verändert und sich dieses in seinem weiteren Verlauf korrigiert, ja berichtigt.

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