Gott in der Natur

Offener Brief an den ‚lieben‘ Gott

Eingetragen bei: Systemische Gedanken | 1

Lieber Gott,

Sie haben mir gesagt, Du seist ein liebender Gott, einer der über mich wacht und der mich beschützt, einer der alles weiß und alles sieht, einer der schon immer da gewesen sei und der ewig sein werde und daß Du die ganze Welt, alles was kreucht und fleucht alleine in sechs Tagen erschaffen hättest, so in der Gestalt erschaffen hättest, wie es heute noch ist, einer der seinen Sohn aus Liebe zu den Menschen, ohne den von Dir erfundenen und erschaffenen Weg der sexuellen Vereinigung eines Mannes und einer Frau auf die Welt gebracht hätte, damit dieser sich zur Erlösung der Erbsünden der Menschen, also von Sünden, die diese individuell gar nicht begangen haben, sondern ihre Ur-ur-ur-ur…Ahnen einst begangen haben, an das Kreuz schlagen lässt, um an diesem einen qualvollen Tod zu erleiden – wodurch ich von meinen, von mir selber nicht begangenen Sünden erlöst wäre.

Ich verstehe das nicht.

Ist eine Sünde nicht eine gegen Dich und Deinen Willen erfolgende Tat? Also, wenn einer etwas tut, was Du nicht magst, dann begeht der eine Sünde, oder? Also, da wurde diese von Dir erschaffene Eva von einem weiteren von Dir erschaffenen Wesen, der Schlange, verführt etwas zu tun, was Du verboten hattest und dann hast Du sie und den wiederum von Dir erschaffenen und von ihr verführten Adam und nicht nur diese beiden, sondern alle ihre Nachkommen, also auch mich, der mit der ganzen Sache nichts zu tun hat, bestraft. Wieso hast Du überhaupt dort einen Baum gepflanzt, wenn Du nicht gewollt hattest, daß die Menschen dessen Früchte genießen? Du bist doch allmächtig, also war es Dein Wille, daß der Baum dort stand und Dein Wille, daß es diese Schlange gab und Dein Wille, daß sie dort herumlungerte und Dein Wille, daß Eva diesen Baum sah, war es dann nicht auch Dein Wille, daß Eva in Versuchung geriet, gegen Dein Gebot zu verstossen.

Auch das verstehe ich nicht.

Du erschaffst etwas und prüfst anschließend ob das von Dir Erschaffene Deinen eigenen Ansprüchen gerecht wird und wenn das von Dir Erschaffene diesen Deinen eigenen Ansprüchen nicht genügt, dann bestrafst Du diese von Dir erschaffenen Wesen, weil sie nicht so sind, wie Du sie haben willst, Du also versagt hast etwas zu erschaffen, was Deinen eigenen Ansprüchen genügt? Also, entweder bist Du so wie es mir gesagt wurde allmächtig und allwissend und alles geschah, wie Du das vorhergesehen und bestimmt hast oder Du bist eben nicht allwissend und allmächtig und das Ganze ist Dir aus der Hand geglitten. Kann es sein, daß Du auf Dich selber böse bist? Nämlich darauf, daß es eben nicht so lief, wie Du das wolltest und Du Deinen Frust an uns auslässt – oder lief es nach Deinem Willen, was bist Du dann für ein niederträchtiger und böswilliger Gott, der Menschen in Versuchung führt und sie dann dafür bestraft, daß sie der von Dir gestellten Verführung verfallen?

Und was genau war dieser Sündenfall? Eva und Adam aßen die Früchte des Baumes der Erkenntnis, der Erkenntnis von Gut und Böse, von Richtig und Falsch, also der Fähigkeit zur Differenzierung, ist diese Fähigkeit zur Differenzierung nicht die Grundlage zur Eigenverantwortung und ist diese nicht letztlich die Grundlage jeglicher Erkenntnis? – Was bist Du für ein Gott, der Menschen dafür bestraft, Wissen erlangen zu wollen, die Erkenntnis anstreben, die bereit sind, das von Dir selber uns gegebene Gehirn zu nutzen, die bereit sind zum Nachdenken, zum Reflektieren, zum Willen zur Fähigkeit einer eigenen Meinung? Wenn Du wirklich wolltest, daß wir nur glauben und nicht denken und differenzieren, wieso dann einen Baum der Erkenntnis? Wieso dann eine Schlange, wieso dann die Neugierde und die Gier nach Wissen und Erkenntnis? Wenn Du uns einen freien Willen gegeben hast, wieso bestrafst Du uns, diesen zu benutzen? Wenn Du uns das Gefühl der Eigenverantwortung gegeben hast, wieso willst Du nicht, daß wir dieses nutzen? Und wenn das alles Dein Plan gewesen war, das mit der Schlange und der Versuchung und dem Sündenfall und all das, wenn es so war, daß Du uns Menschen auf eine Prüfung stellen willst und uns bestrafst, daß 2 Menschen, die von Dir selber gestellte Prüfung nicht bestanden haben, nämlich undifferenziert und dumm bleiben zu wollen, was hat das Ganze dann mit den Milliarden an Menschen, die nach den Beiden gekommen sind zu tun? Was ist der Grund, daß ich angeblich in Sünde geboren bin und in Sünde lebe – was bitte habe ich mit den Taten anderer Menschen zu tun und wieso schickst Du Deinen Sohn auf einen ‚unsündigen‘ Weg auf die Welt und lässt ihn elendig krepieren und wieso bin ich dann wiederum von den von mir nicht begangenen Sünden durch die Tat eines anderen Menschen erlöst? Also auf der einen Seite bin ich sündig, weil irgendwelche lange vor mir gelebt habenden Menschen etwas gegen Deinen allwissenden und allmächtigen und liebenden Sinn begangen haben, auf der anderen Seite bin ich von dieser von mir nicht begangenen Sünde erlöst, weil wiederum ein anderer weit vor meiner Zeit – für mich ?! – elendig am Kreuz starb – um anschließend von den Toten aufzuerstehen?

Ich bin für meine Aktionen, meine Gedanken und meine Handlungen verantwortlich und wenn Du als liebender Gott meinst, mich für das Nutzen, der mir von Dir gegebenen Fähigkeiten bestrafen zu müssen, dann musst Du das tun, aber dann verstehe ich nicht den Begriff des liebenden Gottes, dann wärst Du doch eher ein misstrauischer, seinem eigenen Werk massiv misstrauender Gott, der seine Wesen, das von ihm Erschaffene überprüfen muß – was ist der Grund, daß Du uns dann nicht so erschaffst, wie Du uns willst, sondern diese gewaltigen Umwege der Versuchung, der Sünde und der Erlösung gehst – kann es sein, daß Dir in Deiner Allmächtigkeit langweilig ist? Sind wir die, Deine Langweile vertreibenden Spielbälle – hast Du wirklich nichts Besseres zu tun? Ich meine, es muß schon langweilig sein, innerhalb einer ewig schon dauernden und noch ewig andauernden Zeit in 6 Tagen alles zu erschaffen und dann am 7. auszuruhen – und dann ?? – Na dann kann man schon auf so manchen dummen Gedanken kommen – alles ok soweit, aber wieso müssen wir unter Deiner Langweile leiden? – Also, ich behaupte ja nicht allwissend zu sein, aber das verstehe ich nicht – und weißt Du was, ich will das auch nicht verstehen, weil ich es widerlich und kleinkariert halte, was da in Deinem Namen proklamiert wird, also entweder bist Du ein Anderer – was ich vermute – als der, der Du mir geschildert wurdest oder Du bist ein kleinkarierter, rachsüchtiger, mit seinen eigenen Fähigkeiten überforderter und bösartiger Gott – was ich nicht glaube:

Wenn ich mir Dein Werk ansehe, dann erscheint ein anderer Gott vor meinen Augen, ein Gott der Vielfalt, des Reichtums und der Liebe, ein Gott des Überreichen, des Großzügigen und der Liebe zur Eigenartigkeit, der Einzigartigkeit und der Individualität, ein Gott der Großzügigkeit und der Freude an der eigenen, individuellen Existenz, der Verantwortung und der Konsequenz. Kein Gott, der vorgibt, wie etwas zu sein hat, der Eindimensionalität und der Begrenzung, sondern einer der unendlichen Vielfalt. Der Baum vor meinem Fenster hat Abertausende von Blättern und jedes einzelne dieser Blätter ist in sich einzigartig und schön und verschiedenen von den anderen des gleichen Baumes – was für eine Vielfalt – und jedes einzelne dieser Blätter hat seine eigene Schönheit und ist in sich richtig und gut, wie es ist und nicht wie es sein soll und dies ist nur ein Baum, daneben stehen Tausende und Abertausende und Abermillionen an anderen, verschiedenen und einzigartigen Bäumen und Pflanzen und Gebüsch und auch dort alles einzigartig, verschieden, individuell und in sich richtig, gut und schön – und da sollst Du einer sein, der vorgibt, wie ein Baum zu sein hat, wie ein Blatt zu sein hat – wie ein Mensch zu sein hat, der vorgibt, was richtig und falsch ist, einer der bewertet, bestraft und ablehnt? – Nein, nicht Du bist es der das tut, das sind die, die in Deinem Namen Macht ausüben.

Es gibt und gab viele Menschen, die versucht haben, Dich zu verstehen, darunter Menschen die zumeist in einem anderem Namen in die Geschichte eingegangen sind, wie unter anderen dieser Jesus oder auch Christus genannte Jehoschua, oder der als Mohammed bekannte Abū l-Qāsim Muhammad ibn ʿAbd Allāh ibn ʿAbd al-Muttalib ibn Hāschim ibn ʿAbd Manāf al-Quraschī, oder der sich Echnaton nennende Amenhotep, der vierte und / oder der Buddha genannte Siddhartha Gautama und viele mehr, deren Namen und Geschichten heute keiner mehr kennt – und dann kamen Menschen, die versuchten diese Menschen zu verstehen, die wiederum versucht haben Dich zu verstehen und diese sich Nachfolger nennenden Nachläufer gründeten dann eine Kirche. Die Vordenker, sie selber gründeten keine Kirche, es waren ihre Nachläufer, Du selber gründetest keine Kirche, wieso auch, die gesamte Schöpfung in all ihrer Vielseitigkeit ist Deine Kirche und jedes einzelne lebende und von uns als tot erachtete Teil dieser Deiner Kirche preist Dich in seiner einzigartigen Existenz. Du brauchst keine Kirche, diese brauchen alleine diese Nachläufer um über ihre Nachläufer in Deinem Namen Macht ausüben zu können. Du in Deiner immensen Vielfältigkeit stellst in Deiner Gesamtheit Liebe dar; Kirchen und Menschen, die in Deinem Namen ihren jeweiligen Gott preisen, sie stellen Macht dar.

Die Natur – Du – bist nicht lieb oder nett oder gütig oder böse oder was auch immer, Du – sie – ist das alles; nicht ‚oder‘ sondern ‚und‘; sie – Du – ist das alles; Du – sie – ist alles; sie – Du – (b)ist.

Ich grüße Dich herzlichst
Lutz

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  1. Torsten Kilian

    Danke für die Vielzahl an weitsichtigen Zeilen, Gedanken und Fragen!

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